Gedichte
Gedichte von Holger Kiefer
Copyright: © Holger Kiefer
Einsame Endlichkeit
Wir gehen vorüber, verhauchen und verwehen
ohne Spur, während das Bekannte und Geliebte bleibt.
Vielleicht ist das der Grund,
warum wir Gram sind dem Tod,
der uns holt,
aber andere stehen, leben,
lieben und leiden lässt.
Lieber wollen wir leiden und ewigen Regen sehen
als die Augen für immer zu schließen
und uns einen ewigen Blick im Dunkel vorzustellen
wie einsame Blinde in einer dunklen Höhle ohne Freude.
Wir haben das Leben kennen gelernt
und kennen uns jetzt aus,
sind fertig und wähnen das Gröbste hinter uns,
wollen genießen, zurückschauen und zufrieden lächeln.
Wir haben Menschen liebgewonnen
und uns an Vieles gewöhnt.
Im Wald und in der Sonne fühlen wir uns wohl
und wollen, dass es ewig so bleibt – tiefe Ewigkeit.
Wir haben uns in einer Wohnung eingerichtet,
die uns auch überleben wird.
Die treuen Bücher und die ewige Musik,
die uns trösten und berauschen,
unterhalten, lehren und eine höhere Welt bieten.
Das alles bleibt, während wir schwinden.
Es wird auch schwinden. Aber erst nach uns.
Wir werden es nicht mehr erleben,
werden vieles nicht mehr erleben
und denken, das sei ungerecht,
weil andere es ja auch erleben.
Nur vergessen wir, dass die Geburt auch den Tod fordert.
Es gibt keine Pflichtverweigerung in dieser Sache.
Das Inkasso kommt ohne Verständnis und Aufschub.
Schließlich gehört der Tod zur Rechnung
das Leben zu begleichen:
Du hast gelebt? Also stirb auch!
Im Grunde und am Ende verhält es sich mit allem so;
nur ist jedem seine Zeit zu Eigen.
Wir wollen Gemeinsames, bleiben aber doch allein.
Wir wollen Ewiges, scheitern aber stets am Endlichen.
Der Angler
Im Undurchschaubaren liegt der Blick
und sucht nach undefinierten Formen,
wartet auf Umrisse irgendeines Gewinns.
Am Ende der Schnur ein falsches Köderstück,
den Kopf voll trüber Werte und Normen,
die Gedanken ein Aschehafen fehlenden Sinns.
Ruhe um ihn her nach jugendlichem Sturm,
der vorbeigeweht und nichts übrig ließ.
Zerfallen der aus Träumen errichtete Turm –
verblüht und verwelkt das stolze Paradies.
Offen jedoch nun das verborgene Gefängnis;
die Lust ist rein, und der Tod ist nah.
Befreit nun endlich aus beklemmender Bedrängnis;
und klar liegt alles, was jemals geschah.
Geduld ist der Meister, der vieles lehrt.
Ausdauer folgt lernend auf seiner Spur.
Ausharren in Schwierigkeit, die oftmals zehrt,
und Zähigkeit in früh geübter Kreatur.
Diese vier Freunde saßen mit im Boot
und ließen ihn lachen und glücklich sein.
Sie waren seine Helfer in anfänglicher Not
und luden ihn nun wieder zum Träumen ein.
Was bleibt, ist Erkenntnis und Zufriedenheit.
Bereits verdaut sind Enttäuschung und Ängstlichkeit.
Auf letzte Wege ohne Hast und ohne Worte
begibt er sich wunschlos an musikalische Orte.
Ein Angler war er auf dieser Welt:
Nicht der Fang, nur die Ruhe zählt.
Licht und Pfeil
Wie der Vollmond über zerklüfteten Wolken,
die rissig und zerfetzt immer weiter quellen,
wie er in wachsender Nacht sich erhebt
und losgelassen darüber schwebt,
wie er aus dem Dunkel der Grenzenlosigkeit
den glänzenden Schein seiner Helligkeit
von unsichtbaren Quellen sich entleiht,
wie er - auch verschwunden -
den Tod durch Tat überwunden,
wie er wieder auftaucht und Hoffnung nährt
und verlorene Freude mir wiederkehrt,
wie er Sichtbares verändert und sichtbar macht,
was verschwommen war und unsichtbar,
wie er vor mir steht und ich Grenzen vergesse,
erinnert er mich an dich, die durch unbewusste Tat wahrhaftig wirkt,
Licht und Pfeil entsendet - und mich mit beidem getroffen.
Am Klavier – elfsilbrig – fürs Leben
Was wollt ihr hören: Mozart, Beethoven, Bach?
Wir können alles, doch haben leider, ach,
in den letzten Jahren zu wenig geübt –
das ists, was uns in diesem Moment betrübt.
Spiele daher eine Improvisation;
sie beruht allein auf der Inspiration,
die mir ein holdes Weib damals überließ,
bevor sie für immer in das Jagdhorn stieß.
Sie ist nun nicht mehr; auch ich bin nicht mehr lang.
Daher fange ich wohl kaum von vorne an.
Beginne im Takt dreißig mit der Coda.
Ihr seid mit dem Stück doch zufrieden – oder?
Wenn dann am Ende der letzte Ton verhallt
und der schwarze Deckel auf die Kiste knallt,
habe ich meine Vorstellung beendet -
hoffend, dass dieses Werk euch nicht befremdet.
Memento moriendum esse
Tage aus Zimt und Schwefel,
tanzende Vorhänge, in denen keine Körper,
keine Gesichter, die sich zulächeln, mehr stecken
oder hängen als Beute im Netz des wartenden Fischers
Rotwein fließt uns durch die Hände
und verdünnt das Blut,
nicht mehr das der Katze,
die ausgestreckt auf der Straße liegt,
ein Strom aus ihrem Kopf sich ergießt,
die Augen im Innern des Schädels gebrochen,
doch alle zehn Sekunden pocht noch das Herz,
weil es so schnell nicht aufgeben will
das Leben flieht an den Straßenrand und
sickert in den Staub,
breiter und trockener werden die Überreste
in den nächsten Stunden schon und Tagen
die Farbe gleicht sich dem Tod an,
Vorahnung für den Vorübergehenden,
der zum Feiern schreitet,
eben noch ein fröhliches Lied pfiff
und Schimpfworte in der fremden Sprache wiederholte,
indem er sie offen aussprach und damit nur übte,
niemanden beleidigte,
nur bewusstes Unbewusstsein lebte
trinkt er jetzt den Wein im Angesicht
seiner Vergänglichkeit, im Nahen des Todes,
trinkt mit ihm wie mit einem alten Bekannten,
zuerst vorsichtig, aber offen, und ihm später dann
auf die Schulter klopfend
und gemeinsam lachend,
weil man den Witz verstanden hat.
Ziemlich leicht
"Is dying hard, Daddy?"
"No, I think it's pretty easy, Nick. It all depends."
(aus: Indian Camp, E. Hemingway)
Und alles war dunkel und traurig
für mich, als du gingst.
Trennen sollten wir uns erst später
und mussten es, wir waren ja Kinder.
Kinder, die unerfahren sind
und nicht entscheiden können.
Kinder, die tun, was man ihnen sagt
oder auch nicht.
Die Kinder starben, und
ihr Tod gebar neue Menschen,
enttäuschte, verbitterte, zerrissene Menschen,
Erwachsene, die wir sein sollten.
Wir sterben immer wieder einen Tod.
Wir sterben mehrere Tode.
Brust und Hirn zerrissen -
schlimmer kann das körperliche Ende nicht sein.
Der reife Mensch ist kampferprobt und todeserprobt;
reif, so dass es Zeit wird,
vom letzten Tod geerntet zu werden.
Sterben ist dann nicht mehr schwer.
Es ist Zeit
Es ist Zeit, sagst du beim Aufstehen und gehst,
wohin ich nicht folgen werde, was du weißt,
denn für das andere ist es noch nicht Zeit;
trennen wir uns, damit wir uns wiedersehen
oder auch nicht, wenn keine Zeit mehr bleibt,
einander zu begegnen und zu ertasten,
sollten wir einmal Zeit dafür haben und sie
auch zu nutzen verstehen, worauf wir immer warten,
bis die Zeit endlich kommt, vielleicht einmal zur rechten Zeit
sich einstellt, wenn wir uns gegenseitig Zeit lassen,
sie dem jeweils anderen geben und nichts der Zeit
überlassen, damit sie uns nicht bestiehlt oder gestohlen wird, die ewig Zeitige.
Es ist Zeit, werde ich sagen, egal wann der Tod
sich einstellt für mich; denn Zeit ist immer,
und Tod ist immer, zu irgendeiner Zeit für mich
wie zu anderer Zeit für die Vorherigen und ewig
für alle, die folgen werden, zu bestimmter Zeit.
Wer weiß, was die Zeit bringen wird? Vielleicht dich
in grünen Himmeln, zurück - mich vorwärts zu dir, was du nicht weißt;
denn unbekannt ist uns noch der Zeitpunkt des Stillstands der Gezeiten.
Wenn wir keine Zeit mehr haben
Wenn wir keine Zeit mehr für den Abschied haben,
haben wir uns beim letzten Mal schon verabschiedet.
Wenn du stirbst und erstickst und leidest,
bin ich nicht da, um deine Hand zu halten
und dir zu helfen, was ich auch sonst nicht könnte.
Wenn ich verblute und röchle und versiege,
kannst du nicht da sein und meine Wunden lecken,
weil wir jeder unseren Tod alleine finden müssen.
Vivaldis Nummer drei in Florenz oder Beethoven in Wien,
Mozart in Prag oder wir zusammen auf Rømø:
Unser aller Nirwana ist der Ort unserer Sicherheit,
wo kein Blut mehr fließt
und wir uns endlich lieben können ohne Angst vor Zukunft,
Verantwortung und Gefangenschaft –
lieben können ohne Gedanken an Geld, Brot und Sonnenschein;
Alkohol, Zigaretten und Strand;
Musik, Inszenierungen und fremde Bühnen,
auf denen wir uns eh nie wohl gefühlt haben.
Wenn wir keine Zeit mehr haben,
warte ich auf dich dort, wo ich bin,
ob ich gerade verblute, röchle oder versiege.
Denn dann wirst du bei mir sein, und ich werde dich mitnehmen –
auch wenn wir keine Zeit mehr haben.
Wellen
Zerstörung und Kritik - erkennende Weisheit -
zirkulierend die Erde durchs Nichts schleudern,
der Planet in festen Händen des Übels,
von der Sonne dem Menschen als Lehen gegeben,
dass er es zerstöre, misshandle und foltere
nach seinem Willen, das Recht der ersten Nacht auf ewig ausübe.
Das Gewissen sichtbar in Jahrhunderterscheinungen,
Schriftstellern besonderer Art und Philosophen,
die aber doch nichts ändern, ob wollen oder können;
spurrillig ist der Weg geworden, fallend und endlos.
Jede Erkenntnis wird nichts nützen;
Kriege und Führer werden uns beschert werden;
mit und ohne Amen, Stimmabgabe oder Parlament.
Der Dolch wird nicht rosten, weil das Wasser versiegt
und jede Medizin in Kauf genommen wird,
ist erst einmal eine Krankheit heraufbeschworen worden.
Das Ende ist denkbar, aber nicht in Sicht;
insofern ist jede Kurskorrektur aussichtslos,
weil nicht wünschenswert und gewählt.
Im Gestade werden Menschheitsansprüche einfach versanden.
Die vergessenen Worte
Im Feuer wütenden Krieges verbrennen sie auch
und werden in vielen Köpfen zu Asche und Rauch,
verlieren sich im müßiggängerischen Wandeln
und ersticken zudem in unbedachtem Handeln.
Sie stürzen herab von der Gelächterklippenwand
und versinken im medialen Ablenkungssand;
von lauten Stürmen verweht wie allzu leichter Staub
oder längst gefallenes und schon verwelktes Laub.
Abgenutzt verlieren sie ebenfalls ihren Sinn
und sind auch pflegenden Händen nie mehr ein Gewinn.
Aufgehoben in dunklen Grabeskammersälen
bleibt ihnen, schweigend sich mit dem Tod zu vermählen.
Ich bin auf meinem Weg und verkenne nicht das Ziel.
Sei es auch Horizont oder allzu schweres Spiel,
ziehe ich ohne Rast an versunkene Orte
und suche aufs Neue die vergessenen Worte.
Taormina
Ein Hochzeitsstrauß verbleicht in der Sonne,
tote Bäume werden endgültig begraben unterhalb
des riesigen Steines,
auf dem die indische Feige ihre schmerzenden, süßen Früchte treibt;
immer noch lachen Menschen im Theater,
und Elektra hat nicht aufgehört zu leiden,
gerächt,
doch darum nicht fröhlicher singt sie
durch tausend Münder einer abgelebten Kinderwelt ihre Klagen
auf das Meer hinaus,
das auch nichts mehr erdulden kann
und in seiner stummen Farbe versinkt,
während weiße Kleider im Garten rauschen
und gefangene Vögel in taube Ohren schreien.
Einen Sommer lang
Grauer Vorhang aus Vergangenheit,
durch den einzelne Strahlen der Erinnerung
hindurchstechen auf die Felsen
der schon zerklüfteten Seele,
die sich mit ein paar Tropfen aus Spalten
dem kommenden Frühling entgegensehnt,
wenn Blüten wiedergeboren werden,
Sinne sich vereinigen und mischen,
die abwartende Trockenheit rechtfertigen
und diese Tränen einen Sommer lang stillen.
Umgebendes Blau in der Tiefe
unter dem Funkeln des Lichts
und den gebrochenen Strahlen
der Erwartung schenkt Erneuerung
und Geburt dessen,
was die Wellen der Stunden
später als Treibgut an Land spülen -
zerfasertes Holz,
hohle Schalen
und leere Träume,
einer übermütigen Zeit als Spielzeug dienend.
Das ewige Nein
Musikalisches Sekundenglück in trosttiefer Nacht
von fadverschimmelten Tagesozeanen umflutet
wie ein gereiftes Kind, das nicht mehr lacht –
im letzten Atem liegend nur noch verblutet.
In hellendem Blau sich ankündigendem Morgenrot
erkaltet drastisch das schwächelnde Sehnen,
vergessend die unsichtbaren Herzenstränen
erlöst mich sanft der mächtige Mitternachtstod.
Ein neuer Tag, ein neuer Tod.
Das alte Lied von Glück und Not,
bis alle Sinne endgültig schwinden
und vergangen sind in unsichtbaren Winden,
die nur einer spürt,
den das Leben auch verführt,
und der sich dann die Frage stellt:
Hat Neues für mich die alte Welt?
Als Antwort träumt er sich einen Sonnenschein.
Doch am Ende steht das ewige Nein.
Am Meer
Nicht geflohen von hier, doch angezogen von dort
und verfolgt den Weg zu dem fremd gewordenen Ort,
der in vergangenen Sommern mein Spielzimmer war,
schenkte die Zeit mir das Ziel dieses Jahr.
Nun begrüßen mich Winde als alten Bekannten
unter anderen auch, die hier kurzzeitig stranden.
Vertraut, gelassen raunt mir Brandung ins Ohr,
dass ich trotz alledem auch nicht ein Jahr verlor.
Mit Ungeduld im Herz rannte ich am ersten Tag
die Dünen durstig hinauf unter pochendem Schlag.
Harte Halme gaben meinen Schritten doch sanft nach -
waren Begleiter auf dem Weg, den Hoffnung versprach.
Ins unermessliche Blau schaue ich hinaus.
Es breitet sich vor mir beruhigend aus
und kennt im Wellen und Wogen keinen Halt;
dafür habe ich alles Warten bezahlt.
Erfüllung halte ich nun in salzigen Händen,
kann Meeresblicke nach Lust und Laune verschwenden
und Reserven erneuern für unbestimmte Zeit.
Dieser Ort ist jetzt in mir und bleibt niemals weit.
Sand verlässt die Dünen und nistet in meinem Haar.
Für einen Moment denke ich nicht, was wird und war,
sondern bin einer schwebenden Möwe gleich befreit
von allen Begrenzungen meiner Diesseitigkeit.
Daheim - denn jeder vertraute Ort kann es uns sein -
umfangen mich Holzgeruch - warmer Feuerschein.
Gelbe Lichter an den Wänden verlängern den Tag
und schenken mir, was zu denken ich sonst nicht vermag.
Undurchsichtige Schleier heben sich empor;
unerwartet entstehen Bilder wie kaum zuvor;
und auf den weißen Teppichen gleißender Fluten
lässt sich in allem ein neuer Anfang vermuten.
Entrombidium rostratus
Blitze streifen Kniekehlen;
schwarzer Himmel grellt
in zuckender Erwartung
und schwitzt einzelne Perlen.
Nicht zu schreien wagt die Atmosphäre
in hitzeüberströmter Nacht
in diesem Labyrinth der Sinne,
wenn verwelkte Sehnsucht sich
an feuchten Haaren ins Jenseits kämpft.
Einen Lippenblick ins Unendliche wagen wir,
verbrauchen unseren Lebensmut in einer Geste
des Erbarmens und Verschlingens zu gleicher Zeit
und lecken die getöteten Reste in ungestillter Gier.
Vergessen eigenen Standort und Zeitalter der Geschichte
durch den erigierten Blick der Zeugenschaft
zweifelhafter Waffenbrüderschaft der Körper,
derer sich kleine rote Tiere samten annehmen.
Schwarze Tränen dem zum Gold Gelangten
Spät, aber früh –
zu früh, doch spät genug;
Nacht mein Tag,
und hell die Dunkelheit;
wenn die Sonne aufgeht, wird es dunkel
und bleibt hell, wenn alle schlafen.
Mit letztem Atem ist die Geburt erst vollendet
und sterbend greifen wir nach der Brust;
haben die Augen vor dem Tod nicht aufgetan
und strampeln lebensfroh im Grab,
fahren wachsend hinab.
Ein Dasein in Schnappschüssen bringen wir zu
und verlieren uns in Wind und Strom;
eine kurze Flamme, ein zäher Honigbach,
ein bitteres Zerfließen der Kräfte
in Gestirnkonstellationen eines Tages.
Ein zertretener Halm, eine geköpfte Blüte
am Rande des Weges der Erdgeschichte;
Dunst und Staub unser letztes Los
und welke Blätter am Lebensbaum,
schwarze Sonnen und faulige Gewässer.
Vertriebene Zeit
Wenn du nicht gehst,
gehen sie und lassen dich stehen;
Menschen dauern nicht, und
die Zeit rollt dich von hinten auf
andere Städte und Länder sind besser
als die, in denen du gerade bist,
nur rollende Steine setzen kein Moos an
– alte Binsenweisheit –
löse dich von den Vertrautheiten,
sonst findest du dich losgelassen irgendwo,
unter dir der Morast, neben dir nichts,
Zeit kann nur vertrieben werden,
aber wohin?
Sie treibt dich in unsinnige Beschäftigungen,
du stöhnst dazu im Takt
und stirbst an diesem Leben,
wenn du bleibst.
Fort, fort mit dir,
du ewig beschmutzende Kreatur!
Suche deinen Sinn – aber nicht hier!
Stille Konflikte
Der niederschlagende Finger des Gesetzes der Worte
und die fehlende Luft für ein Gewissen
lassen uns zu Boden stürzen –
wir fallen unerhört herab,
sterben unerkannt,
weil wir durch diesen Schlag der Gesellschaft
abhandenkommen
und sich niemand umschaut.
Es ist alles in Bewegung;
klatschende Hände vor unseren Augen,
zuckende Finger auf der Gitarre,
die Freude am Feierabend
verwandelt starre Augen in Bewegung
unter dieser Gefechtsfeldbeleuchtung.
Möwe
Ich möchte eine Möwe sein,
ein gleichmäßiges Grau auf den Flügeln;
Flügel überhaupt zu haben,
dazu zwei wache Augen
Würde mein Leben am Meer verbringen,
überm Meer und auch tauchen darin,
dort geboren werden und sterben
in ihm oder an seinen Ufern
Ich könnte mit dem Wind spielen,
ihn ausnutzen und sichtbar machen;
er wäre mein ewiger und letzter Begleiter;
würde sein Lied singen
Ich würde am Strand entlangstelzen
und Würmer, Muscheln und anderes aufpicken
mich davon zu ernähren stundenlang
und das Treiben an den Gestaden beobachten
Müsste kein Schwarz-auf-Weiß erbringen,
sondern lernte immer nur dazu –
Leben oder Tod, Freiheit lebte ich
und könnte Artgenossen nicht hassen
Könnte fliegen und schweben,
ohne Ziel mich niederlassen,
mich in Gesellschaft begeben
oder alleine irgendwo treiben
Ließe mich nicht ein auf Lügen,
Eitelkeiten und Intrigen,
würde mir alles Menschliche ersparen
und lebte einfach – um des Lebens willen
An den Tod
Du bist immer da;
man kann dich wählen
– wie den Alkohol –
oder bekämpfen und Schlachten gewinnen;
aber den Krieg wird man immer verlieren.
Wenn andere dich benutzen und austeilen,
wird alles Wertvolle zunichte gemacht;
dich kümmerts nicht.
Du bist dann nur Söldner
für Eifersucht, Rache und eitle Machtgefühle.
Der Ritus des Lebens raubt dir Kräfte
und lässt dich erschöpfen,
kraftlos zusammensinken vor dem Geist,
den man Farbe und Literatur nennt,
die auf der Musik entschwinden.
Hilflos eilst du durch Städte
und entkräftest Menschen;
beleuchtest das Meer, um es auszutrocknen;
pustest auf die Flammen von tausend Scheiten
und reißt die Grashalme nur über der Wurzel ab.
Was bist du doch vor dir selbst nichts anderes
als ein Vernichter, Zerstörender, kein Schaffender.
Ein trostloses Schwarz bergen deine Augen,
und dein Werkzeug ist stumpf.
Nur totzukriegen bist du nicht.
Das ist das Einzige,
was du allen voraushast
– wie der Alkohol –
nur du selbst zu sein
und keine Unterschiede zu machen.
Gespenster vergangener Liebe
Träume holen dich zurück,
ich tanze mit dir und
fasse deine braunen Schenkel
und blicke über den Rand der Sonnenbrille
in deine schwarzen Sternenaugen.
Dort spiegelt sich jetzt ein dürrer Zweig,
auf dem eine Taube sitzt
und sich dem Gesang des Schwans hinneigt;
die Blätter längst zerfallen
und auf den Grund gesunken.
Was haben wir aus unserer Liebe gemacht,
die nur Leiden und Sehnsucht schuf
und keine Ruhe findet,
wenn wir das Herz nicht schließen
und in gefrorenem Boden vergraben?
5. Gedicht an den Vater
Geronnenes Blut im Schnee,
darauf schwere Stiefel knacken –
mit dem Blut im Frühling wird es
in den Boden sickern,
daraus neues Leben entsteht
Als wäre nichts gewesen –
der große Organismus,
der aufnimmt und ausscheidet,
ein planetarer Stuhlgang,
der Gedeihen und Verderben determiniert.
Doch wir denken es anders,
wollen nicht Kot und Asche sein,
sondern nur Blüte und Frucht,
und verlieren nicht gern die Farbe im Auge;
lassen uns Gewonnenes ungern nehmen
Eine neue Flasche immer anbrechen wollen;
den Frühling nie aus der Hand geben;
niemals besiegt aus dem Kampf hervorgehen,
um immer noch etwas davor zu haben –
doch so ist es nicht.
14. Gedicht an den Vater
Betäubend sind die Stimmen der Ratgeber,
Scharlatane, Blender, Beamten und Speichellecker,
die Kenntnis zu haben glauben
und mir ihre Arme aus Stroh reichen wollen.
Titeltragende Vasallen des Mammons,
der einst steif in die Eitelkeit drang
und kleine Geister zeugte;
unter Schmerzen gebar die Zeit Myriaden von Nattern.
Schweine wollen die Minerva belehren,
und Terpsichore soll mit Klumpfüßlern tanzen;
es ist, als wäre Ironie Gottes höchstes Gebot
und angekettete Philosophen säßen auf den Schultern von Affen.
Wer weiß, wo ich ohne deine Worte säße
und selbstzufrieden Manna in mich hineinschaufelte,
wären da nicht gewesen die Tage unserer Vergangenheit,
die Stunden des Anblickens und das Schweigen nach dem Gespräch!